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bilanz

das vergangene war ein jahr des innehaltens. ob die wendung innehalten daher kommt, dass man das innere festhält, müsste ich noch nachprüfen.

für mich ist das so.

wie mit verschränkten armen sah ich zu, wie die dinge sich entrollten. als hätte die aufgabe darin bestanden, sich zu fügen, fügten sich die dinge, ohne mich nach der aufgabe zu fragen, zu formationen, die ich nicht hatte ganz voraussehen können.

heute, beim spazieren gehen durch den steten tautropfenden regentag, habe ich stephen hawking gehört, mit meinen weißen kopfhörerkabeln ebenso stet an hochkragen, tasche, schal hängenbleibend und mich gestenreich befreiend. ich hörte zu, nicht ganz aufmerksam. merkte mir folgendes: dass eine theorie sich dann eine nennen darf, wenn sie ermöglicht, dass man aus ihren thesen und schlüssen  eine prognose für die zukunft machen kann. sie muss also eine öffnung nach einem „weiter“ enthalten. dass also die operationen und figuren wiederholt befragt werden können,  und so „vorhersehbarkeit“, „prognose“ entsteht. predictability.

 

so gesehen, muss ich zugeben, dass ich für das vergangene jahr keine theorie parat hatte. aber nicht, dass ich überrascht war. es war so, als hätte ich die operationen erwartet, aber nicht die positionen der figuren danach. also, wenn, nur eine halbe theorie.

ich giere nach geistigem futter. logik, mathematik. ich giere nach sachlichkeit, folgerichtigkeit. und hawking schafft es, sich so auszudrücken, dass ich ihn, von allen, am besten verstehe.

 

naja, das mit dem schwarzen löchern geht mir auch seit tagen durch den kopf. dass sie gar nicht so schwarz sind, sondern licht abstrahlen. ist das nicht cool? supermegadicht, schluckt die zeit weg und alles andere auch, ist aber immer noch hell! hell – im verhältnis.

 

das klingt so, als siegte das licht  d o c h   über die dunkelheit. kann man, gänzlich irreligiös, so stehen lassen.

am ende des letzten jahres habe ich mich also verliebt. in die kosmologie (zitat aus dem film die entdeckung der unendlichkeit, aus hawking´s munde: [kosmologie ist]

religion für intellektuelle atheisten

),

in herrn hawking selbst, in eddie redmayne, der ihn verkörpert und  der gestern geburtstag hatte, zwei tage vor hawking selbst, in die bunte vielfalt der universumsbilder, die wir zu sehen die gnade haben,

in die weite. nein, in die weite hatte ich mich das jahr über zu verlieben gelernt. mein erstes weites jahr, richtig weiträumig, -reichend. das jahr reichte mir etwas, es wurde bereichert und beraumt. und auf anderer weise verarmte ich. um einige datenflüsse. bekannte, im traum beherrschte pfade, blieben schrittelos. ganze straßenzüge wechselten im monopolaren spiel der zahlenden kräfte. es gab arbeit für die postproduction, für cutter und musiker und effekte.

 

mein film gefällt mir. irre, aber ich finde daran nichts auszusetzen.

fände ich, hätte ich nicht anderes gefunden, als das, wonach ich dem scheine nach gesucht hatte. ist das nicht interessant, dass angesichts der antworten die fragen sich ändern können? das ist innovativ.

in-, re-, noviert, habe ich. in, wie in innehalten, re, weil sich einiges wiederholte. um eine neue theorie aufzustellen, deren parameter prognosen ermöglichen, muss diese zuerst in einen pool getaucht werden. den, des bekannten. fest eingeprägt müssen die prämissen, als bewiesen,  das substrat leihen, in dem die neue theorie heranreifen kann.

also gab es wiederholungen und es gab neue eingaben. intelligenz, las oder hörte ich auch neuerlich, ist die fähigkeit sich an das neue anzupassen. okay, dann bin ich annähernd intelligent, weil anpassung wirklich anstand und gelang.

ich wechselte das medium. die umgebung wechselte den aggregatzustand. ohne zutun der seele, nur aus (vermeintlich?) äußerlich getriggerten spielzügen heraus, trat ich in eine andere welt. sie hört sich anders an, sie riecht anders, sie hat andere zeitzonen und andere wärmegrade.

sie ist bekannt, der farbe nach und der rhythmik auch, aber die veränderung war diesmal nicht wolkig, sondern klimatisch. es entstand mikroklima. der see

 

erschuf sie.

ich war drei monate lang zwei, manchmal drei mal in der woche im schwimmbad. eineinhalb stunden am stück durchwebte ich mich durch die wassermassen, mit zunehmender geschmeidigkeit. ich sah mir im netz videos an zum „korrekten“ schwimmen, lernte, es zu tun, gewann an kraft, an atem, an gier, und wurde allmählich zum delfin.

an land mein alter spürend, im wasser  – um ein leben verjüngt.

der aggregatzustand der neuen welt ist wässern. aber nicht im althergebrachten sinn der astrologie, als „emotional“, sondern in einem archaischeren. als bewegung. motio.

 

mit verschränkten armen, wochenlang mit verbundenen händen, gelang es mir, mich durch das dickicht zu bewegen. ein kapuzineräffchen in einem amazonasbreiten regengebiet – ich bin von ast zu ast geflogen, hab mir teils wehgetan, teils gut getan, und hab

als delfin das leben unterwasser zu lieben gelernt.

das schweigen. die allherrlichkeit der stille, je leiser die welt, desto schöner, und also,

muss es wohl so sein, dass wenn dichte, schwere objekte, die zeit langsamer werden lassen, und wenn stille als hörbar gemachte langsamkeit gesetzt werden soll – dann habe ich die schönheit der stille  der zeit erfahren. ich hatte zeit, so drückt man das aus, obwohl kein wesen je zeit haben kann. nur die zeit kann einen haben, sie kann ihn verschlucken. die zeit schluckt unsere leben wie anziehungsreiche schwarze löcher es tun. dann kommt es doch nur darauf an, eine gute zeit zu haben, bevor es hinabgeht und man teil des lichten strahlens wird.

 

wenn ich also wüsste, wenn ich ablebe, füttere ich so ein gigadichtes schwarzes loch, und das strahlt danach licht ab, dann würde ich mein ableben als sinnvolle auf-gabe interpretieren. vielleicht ist das der himmel.

 

noch bin ich da und hab einiges vor.

schreiben. und nun auch lesen. die poesie, die in diesen sachbüchern steckt,  ist so angenehm neutral. „neutral“ ist überhaupt das stichwort des jahres, des neuen. das wort fällt mir dauernd ein.

ich war neutral im vergangenen jahr, musste es sein. wenn neutralität als eine prämisse (da bereits belegt) neben einer weiteren  im nächsten jahr eingesetzt wird, dann fürchte ich die schlussfolgerung nicht. was, multipliziert mit 0,  ergibt anderes als 0?

für heute soll das reichen. ich hefte lieber noch ein paar bilder des jahres an.

 

und einen woanders erschienen eigenen text hinzu:

 

manchmal

fallen die stäbchen auseinander, und man weiß auf der stelle, es wird mühe machen, die anderen nicht zu berühren. die nicht-verbundenheit, das isoliertsein aufrechtzuerhalten. dann werden bewegungen zu begegnungen. touch. touché.
dann wird das malheur zugleich zum bonheur, weil das spiel auf den kopf gestellt wird. nicht nichtberühren, sondern berührtwerden, wird zum leitstern.
man fällt aus dem gefüge heraus. baumelt aus den bisherigen belangen hervor, und die menge der dinge avanciert zum hintergrund (die kulisse), während die balance der waage und der drahtseilakt (das skript) zu den evozierten signalen schrumpfen. ja, sie werden kleiner, das auge sieht geschlitzt schärfer, dinge malnehmen ist immer sie zugleich dividieren. zwischen wachstum und verlust regieren verwandte strippen. man ziehe nur daran, im notfall. man bemühe nur und lasse sich helfen.
ich habe hilfe kennengelernt, dieses jahr. indem ich sie erhielt und auch gab. ich habe kooperation erfahren. auch die, die zellen im untergrund der rauschenden stoffwechselmärkte einsetzen. ko-operierend, rechnet man gemeinsam hoch und kommt gemeinsam runter. das muss high machen.
ich verneige mich also vor den kräften des zusammenhalts. so bleiern sie sich manchmal auch anfühlen. kohäsion, das macht lösungsteilchen haltbar, so haltbar, wie zeit nur sein kann.
zum glück sind wir schon keine steine mehr. wir steigen auf, zu sand. zu blütenstaub.

 

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ich bin unendlich dankbar. für alle gipfel und talfahrten, für alles warten. für gelungene heilung, kundige berührung, gesundes einbluten.
das symbol des jahres ist der schmetterling. vormals hatte ich angst vor ihnen, ihr schwirren und anlanden beunruhigte mich. dann lernte ich, sie zu lieben, zu verstehen, dass sie fliegende blüten sind. dass sie nicht angehalten werden wollen und darin ihre pracht verschenken.
und sein kokon. fast ganzjährig trug ich meine hände verbunden, die zweite jahreshälfte ruhte die rechte zwei mal in einem artistischen verband; liebte ich früher armstulpen und fingerlose handschuhe, trage ich jetzt sinngerne die sture schiene.
denn das dritte symbol ist die sicherheitsnadel. mit der ich vorher am gehäkelten reihen und glieder markierte. eine einfache, stählerne solche erhielt mein arzt, zum dank. der mit einer titanagraffe das innere meines handgelenks stützte und schmückte.

wenn ich etwas liebe, dann die erhabene schönheit des zusammenspiels aus präzision und funktionalität, den inhärenten minimalismus gescheiten tuns (und redens auch). was nützt, ist auch schön, und was schön ist, der nutzen.

ich danke allen menschen, die mich mit sorgsamer hinneigung stützten. hielten, schaukelten. dem schmetterlingskönig. den rittern im bienenpalast. den schönen brunnenweibern, die mir immer wieder von ihrem nektar gaben, herzblut und wasser in glaskaraffen, und den reinen wein der offenen rede.

wenn der sturm sich wieder legt, wird man im frischen sand der dünen jeden schritt deutlich sehen. jede kontur, jedes gewicht, jede ausrichtung. das tun wird seinen magneten aufladen und die galaxien der körner werden rund um rund zu tanzen beginnen. wie sonst und immer auch.

 

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(mm/ll)