es ist mein letzter sommer in

dieser wohnung.

an keinem ort der welt habe ich mich je so gut, ganz, glücklich gefühlt, wie hier. hier habe ich mich buch-stäblich gebildet, aus teilen und aus worten. hier bin ich geboren, gewissermaßen. ich, der jede scholle nur kosmos war.

und es ist die zeit der letzten solchen sonnenuntergänge hier. ich sitze auf dem bett, das gesicht nach westen. hier habe ich gelernt, was westen und was osten ist, welche stille, welche farben, welche schatten es gibt. näher und länger war ich nie an natur dran,  da um diese wände sich alles  gedreht hat, ich war fünf jahre auf reha in dieser behausung. wie im wald, so auf werden.

sie allein werde ich mit sehnsucht erinnern. mein kindheitszimmer war dunkel und hoch, und hoch heißt auch ein wenig unbeheizbar. mich wärmt keine vergangenheit, aber in dieser wohnung hier, in der ich sicher auch oft fror, hat mein gewebe eine warme decke gewebt. hier bin ich auch frau geworden.

ich lasse mir den sonnenuntergang um die wimpern schmeicheln. es ist punktgenau 21.09 uhr, und jetzt schon nicht mehr. hier steht die zeit auch nicht still, aber dafür macht sie musik. die sonne ist noch da, rund, etwas unterm hügelkamm verborgen, aber sie entzündet noch die wolken. die feuer der erde habe ich hier zum ersten mal gesehen. diese abende waren mein balsam, in ihnen vibrierte sonor und wiegend die luft der freiheit. nur vogelgezwitscher zu hören und das schaukeln des windes in die zellen hereinzulassen, eine chance, für die ich dankbar bin.

und wieder einmal, die unendliche gnade, hier in ruhe tippen zu dürfen, während andernorts ungleichheit und zwist über das land fegen; das privileg, in dieser kapsel aus meteoritenstaubiger, kristallener versandung, in diesem raumschiff nach loritanien zu chauffieren, wie in einer ozeanischen limousine aus opalisierenden tanzquallen, drauflos zu segeln, enthoben der unrast der pflichten, nur an den tasten hängend, wie am achsenbaum der welt, am bauchnabel der muttergöttin. hier habe ich meine menschlichkeit ausgelotet, eine glockenzunge unter dem messingschirm eines eisernen, schmelzenden feuerweibes,  geschnürt um den leib, faltenreich um die hüfte. und hier

meint ja eine spanne zeit. also könnte ich auch die zeit loben, ist sie doch das einzige, was wir zu erkennen vermeinen. ich könnte sagen, die letzten fünf jahre waren soundso. aber ich sage „hier“, weil erstens hier tatsächlich ein refugium war und eine auszeit, und auch weil hier das einzige ist, was dauerhafter ist als jetzt.

an meiner wohnzimmertür klebt ein weißblatt, da steht drauf

wer diese wohnung betritt, möge mit gutem gesegnet sein.

ich habe es mal hingehängt vor einem urlaub, da dachte ich: ist es mein mann, der zum blumengießen kommt, der freut sich. ist es ein dieb, der freut sich auch, sofern er denken kann. seitdem hängt der spruch da, so wie auch der in der küche hängt, den ich bereits einmal mindestens umziehen ließ: das leid ist so lange nötig, bis es nicht mehr nötig ist.

mittlerweile ging die sonne unter, der rest des himmels schweigt als graublaue neige im haubenglas der antrinkenden nacht. so langsam wie der abend im sommer gerinnt, so samtig auch seine dahin tröpfelnde schleppe. die sekunden blähen sich auf, nehmen anlauf, putzen sich heraus, eh sie mit dem übermut der gewinner nach punktzahl sich in die dunkelfluten senken. die anrauschende zeit ist so still, dass die amsel auf dem dach ungestört ihr abendwerben lossenden kann, allenfalls ein hund weiter anderswo wird ihren anfragen ein weißnicht rüberbellen.

hach. einundzwanzig  sechsundvierzig und immernochhell.  wär´s nicht bewölkt, es wär` noch heller. das ist derart beglückend, derart kitzelnd und schaukelnd, dass ich weiß, mein glück gehört in der form mir allein, es ist von solcher art, dass ich mich in den himmel würfe, um ihn zu liebkosen wie einst gaia den uranos. die kraft des sommers ist delphische heilung im schlangenformat, nachtumwunden, taghell, im gütigen wechsel, kaum ein erdling wird sich dieser widersetzen können. und tut er es, ist es kaum klug.

vermutlich klingt das sentimental und ich mag keine sentimentalen reden. vermutlich kommen noch welche hinzu, wie es einem abschied gebührt. aber ich weiß jetzt, warum ich schreibe.

ich schreibe, weil die erde sich dreht.

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