wir bereden wie welt.

wir bereden oben und unten, links und rechts. wir benennen osten und westen und wissen zu allem was zu sagen.  je mehr, desto besser verstehen wir die welt, so nehmen wir an, also tauschen wir informationen. in-formationen aus silicium und äther. und dabei ist es gänzlich unmöglich irgend etwas davon zu gesicht zu bekommen, wird man nicht ihrer wunder angesichtig.

neulich eines: ich gehe durch den gemächlichen, lauen sommerregen, beschreite die auen der vorstadt, beuge mich über tauschwere halme und tropfende gelbe wiesenblüten, pflücke einen frenetisch oszillierenden gräserstrauch und bin bereit, irgendeinem tier, das daherkomme, die sendung der tageslektion zu übertragen. ich spähe immer nach einem tier, hundkatztaubespatz, egal, eine gestalt, die mir das dasein beibringt.

und ich treffe sie. des weges eine raupe.

bernsteinfarbene reise.

(daswareinhaiku)

ich entdecke sie, quer überm asphalt mit bebeintem tun am werk, und sie ist so adrett und flauschig, dass ich den impuls habe, sie zu streicheln. zwar sagt mir mein wachverstand, dass ich das nicht soll, und meine laut formulierte frage „darf ich dich berühren?“ ist nur verlogene selbstschau, aber ich mache es trotzdem: ich beuge mich hin und meine zeigekuppenspitze tupft an die haare des tieres.

und was passiert? sie zuckt, und bleibt stehen, wie ein erhitzter schrumpfschlauch.

ups, sie bewegt sich nicht, ist angeblich tot.

ich werde nervös und sehe mich um, ob nicht ein ambitionierter radler in prometheischer adlermanier dahersaust, und droht, meine neue freundin zu zerteilen. keiner da, aber raupe ist  erstarrt und hat noch kein grünlicht. und ich frage mich dann, ob ich der welt  meine quasselige anteilnahme und verzogene beanspruchung überhaupt antun darf. ob ich das recht habe, in das schicksal dieses wesens einzugreifen. natürlich nicht, in mein leben greift auch keiner ein,um mich auf dem weg still zu legen, und wenn, dann ist es gott, aber ich bin nicht gott, hilfe, das muss man sich erst echt reinziehen.

ich gehe dahin, leicht verwirrt, und sage noch laut: geh, geh schon,  und hoffe, sie kommt ans andere ende des weges unversehrt an.

und wir haben die ganze welt zerteilt. ich könnte niemals ertragen zu wissen, was wir der erde angetan haben. deshalb höre ich keine nachrichten.

aber

in

einem

anderen

zusammenhang, ne, im selben,

haben wir andernorts über etwas debattiert, da hat einer aus der gruppe, nein, ehrlich, es war nicht irgend einer, der hat erzählt, er habe einen einäugigen fisch im teich.  und das war der anlass, folgendes zu schreiben, was ich hier dezent abgeändert wiedergebe, was den selben sinn hat.

>

irgendwie hat mich das mit dem einäugigen fisch gestern verfolgt. die erste „geste“ war, ihn zu bedauern. junger fisch, schwimmt immer linksherum, das löst bei mir ein
„der arme“ aus, und wenn ich mir zehn mal einhämmere, dass es möglicherweise keinen grund gibt, denn der fisch leidet möglicherweise nicht darunter, weil möglichwerweise sein nervensystem das nicht vorsieht, etc, aber sicher kann man da nicht sein.

dieses reflexartige fischbedauern ist anmaßend und gewissermaßen verlogen, eine natürliche position, die zur pose gerinnt. mich müsste der fisch fragen, wie ich auf die idee komme, über seine welt zu richten, zu prozessieren, wo ich doch keinerlei auch nur kürzestfristiges praktikum in teichbiotopen nachweisen kann. ich müsste dann sagen, pardon, ich habe dich mit den anderen verglichen, die haben zwei augen und schwimmen anders und da sie viele sind, bestimmen sie die norm. und des fisches anwalt müsste ein gewaltiges, geysiriges plädoyer ausblubbern, eins, das von segregativen, kolonialistischen, imperialistischen und faschistischen vorhaltungen trieft und das ganze noch vor den zwinkerfrei in schwarm und glied herumschaukelnden geschworenen. als ich diese vision bis hierher inszeniert hatte, wurde mir schwindelig.

je mehr man liest, und dann, je mehr man redet (oder schreibt), desto mehr wirbel produziert man, und dieser wirbel bekommt sinnstempel, weil wir nicht anders können, dann sieht das wie reflektieren, wie prozessieren aus, am ende sogar wie kultur. im grunde ist es aber nur ein konsens. einer sagt, die anderen sind bereit zu hören, verstehen zu wollen und wieder aufzunehmen. sehr oft werde ich, auch in anderen, als in der teichsituation, von der aufgeblähtheit des menschlichen großhirns verblüfft, und dann bekomme ich lust, noch mehr luft hineinzupumpen, wie eben geschehen.

de jure dürfte ich in dieser fischsache allerhöchstens „yeah, baby“ verlauten, in der dann doch sinnigen hoffnung, dass er mich nicht hört und nicht versteht.

on line

heute, an diesem trüben, fastkalten feuchtetag, da saß ich allein in einem straßencafé, habe einen rasch auskühlenden kaffee getrunken und in einem gebundenen band gelesen. einem mit goldenem lesebändchen. neuerscheinung, im regulären, menschbegehbaren buchladen für papiergeld erstanden. beim kaffee bin ich mir am wenigsten sicher, dass er echt war.

das war eine fast vergessene attitüde. seit geraumer zeit lese ich nur noch bilschirm oder höre meine bücher; für das geld, das das buch heute kostete, kriege ich online zwei bis vier hörbücher aufs handy getröpfelt. aber die sinnliche erfahrung, im fastregen mit übervorsicht das feste druckwerk umzublättern und zu merken, es nimmt mich mit, saugt mich auf, liegt aber auf meinen knien wie ein geliebter, die war das geld wert.

weniger das gelesene war´s, das mich mitnahm. vielmehr das ganze setting. ich habe mich gefühlt wie die raumluftkönigin, der sondersummsespatz, die surresirrlibelle. frei, existent und beseelt.

es ist mein letzter sommer in

dieser wohnung.

an keinem ort der welt habe ich mich je so gut, ganz, glücklich gefühlt, wie hier. hier habe ich mich buch-stäblich gebildet, aus teilen und aus worten. hier bin ich geboren, gewissermaßen. ich, der jede scholle nur kosmos war.

und es ist die zeit der letzten solchen sonnenuntergänge hier. ich sitze auf dem bett, das gesicht nach westen. hier habe ich gelernt, was westen und was osten ist, welche stille, welche farben, welche schatten es gibt. näher und länger war ich nie an natur dran,  da um diese wände sich alles  gedreht hat, ich war fünf jahre auf reha in dieser behausung. wie im wald, so auf werden.

sie allein werde ich mit sehnsucht erinnern. mein kindheitszimmer war dunkel und hoch, und hoch heißt auch ein wenig unbeheizbar. mich wärmt keine vergangenheit, aber in dieser wohnung hier, in der ich sicher auch oft fror, hat mein gewebe eine warme decke gewebt. hier bin ich auch frau geworden.

ich lasse mir den sonnenuntergang um die wimpern schmeicheln. es ist punktgenau 21.09 uhr, und jetzt schon nicht mehr. hier steht die zeit auch nicht still, aber dafür macht sie musik. die sonne ist noch da, rund, etwas unterm hügelkamm verborgen, aber sie entzündet noch die wolken. die feuer der erde habe ich hier zum ersten mal gesehen. diese abende waren mein balsam, in ihnen vibrierte sonor und wiegend die luft der freiheit. nur vogelgezwitscher zu hören und das schaukeln des windes in die zellen hereinzulassen, eine chance, für die ich dankbar bin.

und wieder einmal, die unendliche gnade, hier in ruhe tippen zu dürfen, während andernorts ungleichheit und zwist über das land fegen; das privileg, in dieser kapsel aus meteoritenstaubiger, kristallener versandung, in diesem raumschiff nach loritanien zu chauffieren, wie in einer ozeanischen limousine aus opalisierenden tanzquallen, drauflos zu segeln, enthoben der unrast der pflichten, nur an den tasten hängend, wie am achsenbaum der welt, am bauchnabel der muttergöttin. hier habe ich meine menschlichkeit ausgelotet, eine glockenzunge unter dem messingschirm eines eisernen, schmelzenden feuerweibes,  geschnürt um den leib, faltenreich um die hüfte. und hier

meint ja eine spanne zeit. also könnte ich auch die zeit loben, ist sie doch das einzige, was wir zu erkennen vermeinen. ich könnte sagen, die letzten fünf jahre waren soundso. aber ich sage „hier“, weil erstens hier tatsächlich ein refugium war und eine auszeit, und auch weil hier das einzige ist, was dauerhafter ist als jetzt.

an meiner wohnzimmertür klebt ein weißblatt, da steht drauf

wer diese wohnung betritt, möge mit gutem gesegnet sein.

ich habe es mal hingehängt vor einem urlaub, da dachte ich: ist es mein mann, der zum blumengießen kommt, der freut sich. ist es ein dieb, der freut sich auch, sofern er denken kann. seitdem hängt der spruch da, so wie auch der in der küche hängt, den ich bereits einmal mindestens umziehen ließ: das leid ist so lange nötig, bis es nicht mehr nötig ist.

mittlerweile ging die sonne unter, der rest des himmels schweigt als graublaue neige im haubenglas der antrinkenden nacht. so langsam wie der abend im sommer gerinnt, so samtig auch seine dahin tröpfelnde schleppe. die sekunden blähen sich auf, nehmen anlauf, putzen sich heraus, eh sie mit dem übermut der gewinner nach punktzahl sich in die dunkelfluten senken. die anrauschende zeit ist so still, dass die amsel auf dem dach ungestört ihr abendwerben lossenden kann, allenfalls ein hund weiter anderswo wird ihren anfragen ein weißnicht rüberbellen.

hach. einundzwanzig  sechsundvierzig und immernochhell.  wär´s nicht bewölkt, es wär` noch heller. das ist derart beglückend, derart kitzelnd und schaukelnd, dass ich weiß, mein glück gehört in der form mir allein, es ist von solcher art, dass ich mich in den himmel würfe, um ihn zu liebkosen wie einst gaia den uranos. die kraft des sommers ist delphische heilung im schlangenformat, nachtumwunden, taghell, im gütigen wechsel, kaum ein erdling wird sich dieser widersetzen können. und tut er es, ist es kaum klug.

vermutlich klingt das sentimental und ich mag keine sentimentalen reden. vermutlich kommen noch welche hinzu, wie es einem abschied gebührt. aber ich weiß jetzt, warum ich schreibe.

ich schreibe, weil die erde sich dreht.

für anne

schatz, du hast neulich gesagt, „wer so ist,  ist immer auf der bühne“.

ich habe dabei herzgehorcht.

in mir, die ja keine künstlerin bin, aber mit solchen harmoniere, ist ganz sicher eine info darüber eingespeichert, was das mit der bühne ist. es ist die gewissheit, dass jeder schritt unseres lebens ein rampenschritt ist. dass immer das licht arbeitet, die rolle eingeseelt werden muss, damit sie glänzt, wie  ein ausgelutschter kirschkern. dass es ein catwalk ist, auf dem die seele im außen ihre innere leiter auf heels emportatzelt.

ihr, die ihr an der rampe steht, oder an der reling, ihr übt uns vor, wie sturm sein kann. was du erzählt hast, wie es ist, durch nebel zu waten, das habe ich physisch nachempfunden, in meinen knochen. und wenn meine knochen nicht fürs getippe verantworten, wer sonst.

kunst ist einübung von realität.

seltsam,

der heutige beitrag rangiert hinter jenem vom  3.6.,  über jobs. wie kommt das wohl? kleine zeitverwirbelung? lesebrillenfreies fehlbetippen, fehlberühren? bestreikter serverservice, betriebsratsitzung administrativer stratosphären?

wenn es so einfach ist, den zeitfluß zu entbetten, sich zwischen zwei kalenderblätter einzuhacken und parallelphrasen zu generieren, sollte nicht wundern, wenn in zukunft geschichtsschreibung was katzig schrödingerianes erhält und dem hinsehen mehr gehorcht als dem hinschreiben.

andererseits auch wurscht. diese rücklineare blogfolgerichtigkeit ist ohnehin beliebig. sie nimmt an, der leser verfolgt bei fuß, wie man redefluß verfolgt. einerseits sind die blätter gebunden, um motion picture zu suggerieren, andererseits auch lose genug, um wie konfetti wurfträglich aufgepickt zu werden, fingerfood.

mal sehen, wo das hier nun landet.

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erledigt, der zeitfluß ist wieder hergestellt. ich hatte versehentlich den jobs-beitrag mit einem „auf Startseite behalten“-klick ver…sehen. dennoch belasse ich das so. offenbar ist es das hin-sehen, jetzt und sonstwann, das eine story werden läßt eine aussage auf der startseite zu belassen entspricht einer art egomanie, einer idee fixe oder einer dementiellen alteration. tsts.

aus dem verbandskästchen geplaudert.

gestern früh fiel  ich zuhause hin, indem ich eine treppenstufe nur zur hälfte belegte, und prellte mir die hand und den unterarm. im krankenhaus fand man keine fraktur, empfahl mich keinem skalpellartisten und schritt zu einem tröstungsversuch, über dessen geltungsbereich ich hier kurz berichten will.

man bestrumpfte den arm, legte eine doppellage feuchte gipsstreifen auf die streckerseite, umwickelte dies gebilde mit etwas, das nach polystyrolband sich anfühlt, das wurde dann mit baumwollgaze verstärkt und fertigwardaswerk.

soweit, so gut. wie erwartet, dauerte es nur drei stunden, bis der arm und die hand unter dem kunststoffverband und bei guten dreißig celsiusgrad begannen wie unter hefebeimengung anzuschwellen, und wie über herdfeuer zu versteifen. hatte ich ein eindicken unmittelbar nach dem sturz mittels sofortkühlung vermieden, war nun abzusehen, wie der verband bis zum abend mindesthalbe vitalfunktionen meiner pfote einschränken wird.

also nahm ich links die schere in die hand und entzweite behutsam das gebillde. tauchte die rechte in einen eimer kaltwasser, bis zum zwölften wonneseufzer etwa, rieb großzügig heparin ein und dehnte alles dehnbare daran. ellenbogen streckend, schulter kreisend, arm in den himmel reckend. flanke öffnend, finger klimpernd. und wieder rein ins wonnebecken. das einige male, dann

wusch ich das übrige heparin ab, tapte mit kinesiotape unter halbem zug, das ist gefühlssache …, der länge nach vom handballen zum ellenbogen. einige bahnen noch in den diagonalen vertärkend, die mir das abfragen des gewebes darunter empfahl. darüber dann gazestreifen. und ab in den eimer. kalter, leichter druck.

nasskalter, leichter druck ist das, was man unter kompresse versteht. das war früher gang und gäbe, zumindest im fall der prellung. und es zeitigte auch erfolg, der arm beruhigte sich wieder und nahm maße an, die man vollschlank nennen könnte.

was ich sagen will: die idee, im hochsommer eine bereits ultragestresste gewebeeinheit, befüllt mit gezerrten bändern, gedehnten sehnen, gerissenen gefäßen und angerauhten knochenhäuten …

unter plastischer plastikbeengung zum aufgaren zu bringen, weil MAN DAS SO TUT,

hat mich nicht durch effizienz oder erfolg überzeugt.

deshalb hier tatsächlich ein novum meinerseits, ein veritabler, ernstgemeinter internetratschlag:

bei stauchung, prellung, zerrung – dauerkalte feuchtkompressen. das zieht wärme und wasser heraus und beschwichtigt die wütenden synapsen.

alles klar?

leider eins noch: ruhe, satte ruhe. deshalb auch hier pausen.

frohes schaffen!