ich lese,

mal wieder, Salinger. Nein, nicht den Fänger, sondern Hebt den Dachbalken hoch …

Ich glaube, ich komme nie von ihm los, von seiner Schreibe und dem Sog, den diese Weltschau erzeugt. Die Lektüre etlicher Artikel über ihn gestern Abend blieb wirkungslos und schal; und nicht nur deshalb, weil sie inhaltsarm und spekulativ bleibt, bleiben muss, hat er sich doch gut genug zu schützen gewusst. Die Interpretation seiner Werke könnte mich mehr anregen, tut sie aber schon deshalb nicht, weil ich sie kaum dem echten Lesefluss in seinen Büchern vorziehen kann. Seymour wird vorgestellt erscheint mir komplett neu, als hätte ich die Erzählung bisher nie richtig herum gehalten, nicht hingehört oder nicht die Geduld aufgebracht, die vielen Kommas und Schachtelsätze wirklich zu durchforsten. Forsten, das ist hier kein Klischee, der Mann sät  Wortwälder und streut am Wegesrand noch die Stammbaumblüten seiner eigenen Epilinguistik mit ein. Ein surrend sich einspindelnder Text, von auflachender Eleganz sprachlicher Pirouetten, immer auf dünnem Eis, immer fragil, auch in den robustesten Feststellungen, Versicherungen …, immer aufgeworfen, fragbereit, im Zwischenbereich.

Ich lese langsam, teils drei Mal nacheinander und nie zuviel, damit ich an einem anderen hinhörenden Tag noch etwas übrig habe; gestern war ich da, wo er von den japanischen Dichtern erzählt, da habe ich erstmals kapiert, dass er mich in meinen frühen Zwanzigern auf Haikus und sowas gebracht hatte; ich dachte, es war Kerouac. Und dass sein Einfluss auf meine sehr empfindsame und suggestible Jugend, wie auch auf meinen Ausdruck, vermute ich, erheblich weiter war, als ich davor benannt hätte. Ich habe immer gedacht, Für Esmé … ist d i e kapitale literarische Initiation gewesen, und das wird auch so sein, aber ich vermute, alle seine Erzählungen haben mich tief berührt und geprägt. Den Fänger las ich vielleicht zu spät, oder zur Unzeit, warum auch immer, er hat sich kaum in mir niedergelassen, ich werde das aber nachholen. Weil es mir fast egal ist, worum seine Bücher handeln, die ja kaum handeln oder handeln lassen, was ich im übrigen aufs Sublimste schätze, mir liegt die Sprache und die Komplexität so sehr, dass so flache Parameter wie Wo und Was kaum zählen. Und dass es nur langsam vorangeht, weil an so vielen Weggabelungen angehalten und tief geatmet wird und man als Leser ungehetzt mitgehen kann, weil man mitten im Satz das Buch zuklappen kann und fast egalwo neu aufschlagen, und man wird, wenn nicht ganz korrekt, so doch hinreichend ungenau dort weiterlesen, wo es richtig ist. Ein langer Atemzug, zelluläre, molekulare Verdichtungen und Zuspitzungen, sachte die langen Schleppen nachziehende Detailformationen, wie Schäfchenwolken, sich ordnende und splitternde Wechsel und Wirbel in einer gehaltsreichen Textchemie, die über jeden Sprachdurst hinaus tränkt, wobei, ehrlich, ich vertrüge sogar noch mehr davon,

 

ich komme darauf zurück; weil aber eben der Rechner an war, dachte ich, ich tippe das schnell, ich finde es sehr gut, immer was zum Tippen zu haben, wobei ich feststelle, ich könnte auch wieder von Hand schreiben, wenn ich es hinterher zu entziffern lernte, so wie jemand der einen Zeichenblock bei sich hat und eine Feder und ein Tuscheglas. Das sind in der Tat die Luxusartikel der Neuzeit: Papier und Feder oder Stift. Die Bedingungen, unter denen man sowas bei sich trägt sind definitiv die des Luxus`.

 

Genau,

bis denn.

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