selbstmitleid

ist unter den noch zu nennenden lastern das schlimmste. darauf ruht aller unmut.

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8 Antworten zu “selbstmitleid

  1. Sich gelegentlich selbst zu bemitleiden, seine Wunden zu lecken, kann einem guttun. Bemitleiden wir uns jedoch regelmäßig und ständig, dann schaden wir uns. Bild © XtravaganT – Fotolia.com

    Autorin: Dr. Doris Wolf, Diplom Psychologin

    Was tun bei Selbstmitleid?

    TIPP 1: Um unser Selbstmitleid überwinden zu können, ist Voraussetzung, dass wir uns bewusst für eine Veränderung entscheiden. Hierbei helfen die folgenden Fragen:

    Wie geht es mir, wenn ich mir immer wieder mein Leid vor Augen führe und mich bei anderen darüber beklage?
    Was ist mein Ziel für die Zukunft? – (beispielsweise nach einer Trennung einen neuen Partner zu finden oder wieder lachen zu können)
    Helfe ich mir durch meine Grübelgedanken, Hadern und mein Selbstmitleid, mein Ziel zu erreichen?

    TIPP 2: Dann gilt es unsere Bewertung zu überprüfen. Nicht ein Ereignis als solches verursacht unser Selbstmitleid und unsere anderen negativen Gefühle sondern unsere Bewertung.

    Manchmal stimmt unsere Bewertung jedoch nicht mit den Tatsachen überein. Wir übertreiben z.B. das Ausmaß eines Ereignisses oder schätzen unsere Lösungsmöglichkeiten zu gering ein. Wir sehen nur noch das Negative in unserem Leben und bei anderen nur das Positive.

    Überprüfen können wir unsere Bewertung mit den beiden Fragen:

    1. Entspricht mein Gedanke den Tatsachen? Ist es wirklich so, wie ich es sehe? Sehen es andere Menschen auch so?

    Beispielsweise: Werde ich wirklich von niemandem geliebt? Geht es anderen wirklich in allen Bereichen besser? Bin ich immer nur Opfer? Ist die Welt wirklich immer ungerecht? Muss ich von jedem geliebt werden und wenn nicht, mich auf Dauer bemitleiden? Erleben alle anderen Menschen außer mir Gerechtigkeit in dieser Welt? Wurde mir Gerechtigkeit versprochen oder ist das nur mein Wunsch?

    2. Und wenn es so ist, wie ich es sehe, ist es wirklich so, dass es mir nie mehr besser gehen kann?

    TIPP 3: Wir können unseren Blick ganz bewusst auf die Bereiche in unserem Leben lenken, die funktionieren:

    In welchen Punkten bin ich zufrieden?
    Wo habe ich meine Ziele erreicht?
    Was ist bisher gut gelaufen in meinem Leben?
    Wofür kann ich dankbar sein? ICH finde/empfinde selbstmitleid sehr schön, fast meditativ: wenn ma die welt wieder zu grausam ist ( und das ist sie immer…), kehrt man gefühlig.fühlig in sich hinein, läßt panta rhei geschehn–und steht auf erfrischt–ach, richtig kuschelig MEIN selbstmitleid–aus ihm erwuchs mein wissen um mich und am ende meine stärke-so wie mein stetes scheitern in dieser wirklichkeit mein größter und stabilster erfolg ist…nur mal ausgeatmet…

  2. Friedrich Nietzsche
    An die Melancholie
    Verarge mir es nicht, Melancholie,
    daß ich die Feder, dich zu preisen, spitze
    und daß ich nicht, den Kopf gebeugt zum Knie,
    einsiedlerisch auf einem Baumstumpf sitze.
    So sahst du oft mich, gestern noch zumal,
    in heißer Sonne morgendlichem Strahle:
    begehrlich schrie der Geier in das Tal,
    er träumt’ vom toten Aas auf totem Pfahle.

    Du irrtest, wüster Vogel, ob ich gleich
    so mumienhaft auf meinem Klotze ruhte!
    Du sahst das Auge nicht, das wonnenreich
    noch hin und her rollt, stolz und hochgemute.
    Und wenn es nicht zu deinen Höhen schlich,
    erstorben für die fernsten Wolkenwellen,
    so sank es um so tiefer, um in sich
    des Daseins Abgrund blitzend aufzuhellen.

    So saß ich oft, in tiefer Wüstenei,
    unschön gekrümmt, gleich opfernden Barbaren,
    und deiner eingedenk, Melancholei,
    ein Büßer, ob in jugendlichen Jahren!
    So sitzend freut’ ich mich des Geier-Flugs,
    des Donnerlaufs der rollenden Lawinen,
    du sprachst zu mir, unfähig Menschentrugs,
    wahrhaftig, doch mit schrecklich strengen Mienen.

    Du herbe Göttin wilder Felsnatur,
    du Freundin liebst es, nah mir zu erscheinen;
    du zeigst mir drohend dann des Geiers Spur
    und der Lawine Lust, mich zu verneinen.
    Rings atmet zähnefletschend Mordgelüst:
    qualvolle Gier, sich Leben zu erzwingen!
    Verführerisch auf starrem Felsgerüst
    sehnt sich die Blume dort nach Schmetterlingen.

    Dies alles bin ich – schaudernd fühl’ ich’s nach –
    verführter Schmetterling, einsame Blume,
    der Geier und der jähe Eisesbach,
    des Sturmes Stöhnen – alles dir zum Ruhme
    du grimme Göttin, der ich tief gebückt,
    den Kopf am Knie, ein schaurig Loblied ächze,
    nur dir zum Ruhme, daß ich unverrückt
    nach Leben, Leben, Leben lechze!

    Verarge mir es, böse Gottheit nicht,
    daß ich mit Reimen zierlich dich umflechte.
    Der zittert, dem du nahst, ein Schreckgesicht,
    der zuckt, dem du sie reichst, die böse Rechte.
    Und zitternd stammle ich hier Lied auf Lied
    und zucke auf in rhythmischen Gestalten:
    die Tinte fleußt, die spitze Feder sprüht –
    nun, Göttin, Göttin laß mich – laß mich schalten!

    Entstanden 1871

  3. Nur Narr! Nur Dichter!

    Bei abgehellter Luft,
    wenn schon des Taus Tröstung
    zur Erde niederquillt,
    unsichtbar, auch ungehört
    – denn zartes Schuhwerk trägt
    der Tröster Tau gleich allen Trostmilden –
    gedenkst du da, gedenkst du, heißes Herz,
    wie einst du durstetest,
    nach himmlischen Tränen und Taugeträufel
    versengt und müde durstetest,
    dieweil auf gelben Graspfaden
    boshaft abendliche Sonnenblicke
    durch schwarze Bäume um dich liefen,
    blendende Sonnen-Glutblicke, schadenfrohe.

    »Der Wahrheit Freier – du?« so höhnten sie –
    »Nein! nur ein Dichter!
    ein Tier, ein listiges, raubendes, schleichendes,
    das lügen muß,
    das wissentlich, willentlich lügen muß,
    nach Beute lüstern,
    bunt verlarvt,
    sich selbst zur Larve,
    sich selbst zur Beute,
    das – der Wahrheit Freier?…

    Nur Narr! nur Dichter!
    Nur Buntes redend,
    aus Narrenlarven bunt herausredend,
    herumsteigend auf lügnerischen Wortbrücken,
    auf Lügen-Regenbogen
    zwischen falschen Himmeln
    herumschweifend, herumschleichend –
    nur Narr! nur Dichter!…

    Das – der Wahrheit Freier?…
    Nicht still, starr, glatt, kalt,
    zum Bilde worden,
    zur Gottes-Säule,
    nicht aufgestellt vor Tempeln,
    eines Gottes Türwart:
    nein! feindselig solchen Tugend-Standbildern,
    in jeder Wildnis heimischer als in Tempeln,
    voll Katzen-Mutwillens
    durch jedes Fenster springend
    husch! in jeden Zufall,
    jedem Urwalde zuschnüffelnd,
    daß du in Urwäldern
    unter buntzottigen Raubtieren
    sündlich gesund und schön und bunt liefest,
    mit lüsternen Lefzen,
    selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig,
    raubend, schleichend, lügend liefest…

    Oder dem Adler gleich, der lange,
    lange starr in Abgründe blickt,
    in seine Abgründe…
    – o wie sie sich hier hinab,
    hinunter, hinein,
    in immer tiefere Tiefen ringeln! –

    Dann,
    plötzlich,
    geraden Flugs,
    gezückten Zugs
    auf Lämmer stoßen,
    jach hinab, heißhungrig,
    nach Lämmern lüstern,
    gram allen Lamms-Seelen,
    grimmig gram allem, was blickt
    tugendhaft, schafmäßig, krauswollig,
    dumm, mit Lammsmilch-Wohlwollen…

    Also
    adlerhaft, pantherhaft
    sind des Dichters Sehnsüchte,
    sind deine Sehnsüchte unter tausend Larven,
    du Narr! du Dichter!…

    Der du den Menschen schautest
    so Gott als Schaf -,
    den Gott zerreißen im Menschen
    wie das Schaf im Menschen
    und zerreißend lachen –

    das, das ist deine Seligkeit,
    eines Panthers und Adlers Seligkeit,
    eines Dichters und Narren Seligkeit!«…

    Bei abgehellter Luft,
    wenn schon des Monds Sichel
    grün zwischen Purpurröten
    und neidisch hinschleicht,
    – dem Tage feind,
    mit jedem Schritte heimlich
    an Rosen-Hängematten
    hinsichelnd, bis sie sinken,
    nachtabwärts blaß hinabsinken:

    so sank ich selber einstmals
    aus meinem Wahrheits-Wahnsinne,
    aus meinen Tages-Sehnsüchten,
    des Tages müde, krank vom Lichte,
    – sank abwärts, abendwärts, schattenwärts,
    von einer Wahrheit
    verbrannt und durstig
    – gedenkst du noch, gedenkst du, heißes Herz,
    wie da du durstetest? –
    daß ich verbannt sei
    von aller Wahrheit!
    Nur Narr! Nur Dichter!…

    Friedrich Nietzsche
    Aus der Sammlung Dionysos-Dithyramben

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